• © 2011 Paul Weihs

Bin gerade mit meiner Partnerin Birgit Mollik in Las Palmas. Wir arbeiten an unserem gemeinsamen Kunstprojekt „Estadio Insular“. Das Projekt ist eine künstlerische Spurensuche mittels Film, Fotografie und Komposition. Das dem Verfall preisgegebene Stadion ist für uns gleichermaßen eine skulpturale Form, ein Raum und ein imaginärer Speicher von soziokulturellen Geschichten. Die wichtigste Erkenntnis für uns ist, dass dieser Raum für die Leute in Las Palmas einen Herzensraum darstellt. Einen Sehnsuchtsraum, der gleichzeitig die Diskrepanz von vergangener Wärme und im Moment erlebter Kälte symbolisiert. Diese vielfältigen Aspekte streuen einen weiten Fächer von Assoziationen, die wir zu einem Film und dem Konzept einer künstlerischen Rauminstallation bündeln wollen. Zwischeneinblicke, Texte und Teaser werden im Laufe der Produktion unter In Progress publiziert.

Mein Freund und Kollege Andreas hat mir vor zwei Wochen die Zugangsdaten der fertig programmierten Site von vol.1 geschickt und jetzt geht es daran sie zu befüllen. Den Entwurf hatte ich noch vor unserer Abfahrt Ende Jänner gemacht. Die Grundidee lag darin einfach einmal eine Tabula Rasa zu machen. Die alte Site einfach zu löschen, ein Neubeginn, den damaligen Zugang mit Portfolio, Kunden und Beschreibung der Tätigkeitsfelder einfach zu canceln. Nach mehr als 20 Jahren Tätigkeit als Mediendesigner, Projektentwickler und Künstler ist das legitim.

Sitze in der öffentlichen Bibliothek in Las Palmas, ein schmaler Fensterschlitz lässt den Hafen im extremen Cinemascope-Seitenverhältnis erscheinen. Ein Panorama mit der Weite und Ruhe, welche die Geschäftigkeit des Warentransfers, die anonymen Container und deren Gewicht nicht erkennen lässt. Einzig die Weite bleibt als beruhigendes Element.

Die Weltsituation  mit dem Tsunami und dem Erdbeben in Japan, Libyen, also eine Mischung aus Naturkatastrophen und repressiver Gewalt ist alles andere als erbaulich. Das Irritierende dabei ist, dass das Ausmaß diesmal alles Vorstellbare überschritten hat und trotzdem alles weiter geht. Im betroffenen Land und in der ganzen Welt und wahrscheinlich ist das auch gut so, denn in Wirklichkeit geht ja um das Leben, den Impuls, die Bewegung, das Weitergehen.

So schreibe ich weiter und versuche mich im neuen Zugang zur Site anzutasten. Die Grundidee war, diesmal mit einem fast leeren Buch zu beginnen und nur das aktuelle Projekt vorerst einzubinden, eine 2-Seiten Homepage sozusagen. Für einen Designer und Produzenten von interaktiven Medien ein gewöhnungsbedürftiger Zugang. Doch gerade in dieser Fragilität liegt für mich der konzeptive Ansatz des Versuches, in der Arbeit in Zukunft das eigene Potential verstärkt in künstlerische Projekte zu setzen.

Die Neugier, der Hunger und die Lust, die ich während der Produktion im Estadio Insular empfinde, zeigt wie notwendig und schon längst fällig dieser Schritt war. Im Laufe der Zeit werde ich einige mir persönlich wichtige vergangene Projekte in diesem Raum publizieren, Hauptaugenmerk liegt vor allem darin, die Prozesse fest zu halten. Das Medium als Dokumentations-Logbuch zu verstehen. Fragmente, Skizzen, Entwürfe und Konzepte spontan zu publizieren, einen Anker zu werfen, damit die Ideen nicht so schnell davon fliegen.

In Las Palmas de Gran Canaria bleiben für die Produktion nur mehr knappe 10 Tage und diese werden wir noch für die Filmaufnahmen im Stadion und Interviews nutzen und ab Ende März geht es dann mit der Postproduktion in Wien weiter.

2011 03 14 | ein Start, eine Anfangsnotiz, die Eröffnung der Site, eine Zustandsbeschreibung und die Skizze eines Weges im Augenblick, in dem das Neue ohnehin wieder dem zyklisch veränderten Alten gleicht